Bei der ESG Factory von Ruecker Consult in Berlin wurde über die Resilienz von Immobilien diskutiert. Theorie traf auf Praxis und beides zusammen auf verschiedene Ansätze.
Stärkere und häufigere Extremwetterereignisse wie Starkregen, Hitze, Sturm oder Hochwasser verlangen auch innerhalb der Immobilienbranche nach durchdachten Lösungen, um Gebäude widerstandsfähiger zu machen. Dabei geht es nicht nur um bauliche Anpassungen, sondern auch um finanzielle und strategische Maßnahmen, um langfristige Risiken zu minimieren.
Das Jahr 2024 war in Deutschland das wärmste und feuchteste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Während im Sommer Trockenheit und Wassermangel zum Problem werden, bringen Herbst und Winter immer häufiger Starkregen und Überschwemmungen. „Deutschland mag ein 'Klimagewinner' sein, steht aber dennoch unter großem Druck“, erklärte Prof. Dr. Sven Bienert, Director des Competence Center of Sustainable Real Estate an der IRE|BS International Real Estate Business School. „Wasser ist das drängendste Problem, das wir haben. Die dadurch entstehenden Risiken zu modellieren ist sehr komplex.“ Ein entscheidendes Problem sei dazu der Vergessenseffekt: „Nach zehn Jahren nach einem Extremwetterereignis tritt das kollektive Vergessen ein. Die Gesellschaft reagiert oft erst wieder, wenn die nächste Katastrophe eintritt.“ Daher forderte er eine kollektive Vorsorge und eine realistische Risikoeinschätzung für Immobilieninvestoren.
„Gründächer von Mythen befreien“
Immobilienresilienz beginnt bei der Gebäudehülle. Gründächer und Fassadenbegrünung sind populäre Maßnahmen, doch sie sind nicht immer kosteneffizient. „Wir müssen Gründächer von Mythen befreien und ihre Vorteile genauso betrachten wie ihre Herausforderungen", so Jan von Mallinckrodt, Head of Sustainability bei Union Investment Real Estate. Was er meint: Die Branche dürfe nicht immer nur die Nachteile aufzählen, sondern vor allem die Vorteile in den Vordergrund rücken. Eine umfassende Betrachtung des gesamten Areals ist essenziell, ergänzte Dirk Arenz, zertifizierter Berater für Starkregenvorsorge bei der Deutschen Abwasser Reinigungs-GmbH Berlin: „Es wird oft nicht ganzheitlich gedacht. Viele Gebäude haben Notstromaggregate im Keller – bei einem Starkregenereignis ein klares Risiko. Auch die Umgebung ist entscheidend: Straßen, Kanäle und Nachbargebäude beeinflussen, wie Wasser auf ein Grundstück gelangt."
Versicherungen: Ein trügerischer Schutz?
Die Absicherung von Immobilien gegen klimabedingte Schäden wird zunehmend schwieriger. Versicherungsprämien steigen drastisch. „In den USA sind Selbstbeteiligungen von vormals ein paar zehntausend US-Dollar auf bis zu ein paar Millionen gestiegen", berichtet Jan von Mallinckrodt. Auch in Deutschland haben sich Versicherungsprämien für Elementarschäden in den letzten Jahren stark erhöht. „Versicherungsschutz kann nur ein Teil der Resilienzstrategie sein“, betont Prof. Dr. Sven Bienert. „Indirekte Kosten wie Mietausfälle oder notwendige Reparaturen nach einem Schaden werden oft unterschätzt.“
Hitzeschutz und Energieeffizienz – ein Balanceakt
Immer häufiger beeinträchtigen Hitzewellen die Nutzung von Immobilien. „Viele Gebäude sind nicht für die steigenden Temperaturen optimiert. Eine Klimaanlage mag kurzfristig Abhilfe schaffen, verursacht aber gleichzeitig höhere Emissionen“, erklärt Hannah Dellemann, Head of Sustainability bei INTREAL.
Die Taxonomiekonformität stellt Investoren vor zusätzliche Herausforderungen. „In den Niederlanden etwa sind Immobilien aufgrund von Deichen nicht als taxonomiekonform einzustufen, weil das Überflutungsrisiko systemisch existiert“, so Jan von Mallinckrodt. Unterschiedliche Bewertungsmethoden führen zu widersprüchlichen Ergebnissen, was die Entscheidungsfindung erschwert. Das, da sind sich Experten einig, ist eines der Hauptprobleme. Zeigt ein Tool Brand als größte Gefahr an, ist es bei einem anderen Wasser.
Ob durch smarte Bauweisen, bessere Standortanalysen oder neue Versicherungsmodelle – die Resilienz von Immobilien wird zur entscheidenden Frage für Investoren, Betreiber und Eigentümer. Moderator Alexander Roth, ESG & Operations Director bei Savills Investment Management, sagte zusammenfassend: „Wir werden als Immobilienbranche stark von den Folgen des Klimawandels betroffen sein. Die Steigerung der Resilienz der Gebäude wird in den nächsten Jahren genauso wichtig sein wie die Anstrengungen zur Abmilderung des Klimawandels.“